Wolfgang Brunner

Gedanken zu unterschiedlichen Interpretationsansätzen der Klavierkonzerte Mozarts

 

Gegenwärtig mischen sich in unseren Konzertsälen eine Fülle unterschiedlicher interpretatorischer Ansätze und Aufführungstraditionen auf der Suche nach größtmöglicher Authentizität. Auf die Fahnen der historisch orientierten Aufführungspraxis geheftet bewirkte der ebenso viel beschworene wie vieldeutige Begriff Authentizität seit ca. 40 Jahren eine mitunter völlige Umorientierung der Interpretationsansätze, und steht andererseits doch immer in der Gefahr, durch angemaßte Nähe zum Werk eine möglicherweise fehlende Präsenz des Künstlers nämlich seine persönliche (!) Authentizität zu kaschieren. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts dürfen wir uns inzwischen ebenso über manch kurzzeitige Moden und Irrwege historischer Aufführungspraxis amüsieren wie zugleich über individualistische Interpretationen wundern oder freuen, die aus einem noch romantischen Musikverständnis zu kommen scheinen. Daß letzteres manchmal näher an Aufführungstraditionen der Mozartzeit anschließt als es eine Textgläubigkeit, die sich nur auf unmittelbare Verbindlichkeiten des Notentextes zurückzieht, gehört zu den nur scheinbaren Paradoxa im Spannungsfeld zwischen der Objektivität vermeintlich originaler schriftlicher Tradition und der individuellen und geschichtlichen Subjektivität des Interpreten.

Die Qualität einer Interpretation eines Mozartschen Klavierkonzertes verwirklicht sich natürlich auch darin, wie weit ein Künstler über das schriftlich Manifeste hinausgeht, pointiert ausgedrückt am Grad der nicht notierten Änderungen der schriftlichen Überlieferung. Ich möchte daher im Folgenden vor allem auf folgende Interpretationskriterien eingehen:

Anpassen an Aufführungsbedingungen (z.B. Orchestergröße, Instrumentenwahl)

Ergänzen fehlender Notation

Generalbaß

Verzierungen, veränderte Reprisen

Eingänge

Kadenzen

Tempofragen (Tempowahl, Arpeggien, Nachklappern)

 

Anlaß und Besetzung

Mozarts eigene Aufführungen der Klavierkonzerte schwankten in der Besetzungsstärke zwischen großer Orchesterbesetzung und kleinen kammermusikalischen Formationen bis hin zur Reduktion als reines Solospiel. Auch qualitativ gab es jede nur denkbare Abstufung von höchster Professionalität bis hin zur Unterrichtssituation mit ambitionierten Schülern. Die Quellensituation der Klavierkonzerte spiegelt die gesamte Spannweite jeweils aktueller Produktionsverhältnisse. Für repräsentative Zwecke wie seine Akademien im Februar und März 1785, bei denen Mozart die Klavierkonzerte d-moll, KV 466, und C-Dur, KV 467 spielte, stellte er ein großes professionelles Orchester zusammen, das notfalls auch hervorragend vom Blatt spielen konnte. Leopold Mozart berichtet an »Nannerl« anschaulich über das erste

»subcriptions Concert, wo eine große versammlung von Menschen von Rang war